Berichte

Eine reise in die legendÄre finnmark.

Wie in den zurückliegenden Jahren werde ich pünktlich zum ersten Juni von einer unglaublichen Spannung und Nervosität gepackt. Ja, die Lachssaison hat begonnen, aktuelle Fangberichte & andere Tagesinformationen aus den Lachsgebieten Norwegens sollten für mich in diesen Tagen höchste Priorität haben. Doch in diesem Jahr ist der traditionelle Ablauf gestört.


Durch eine sehr wichtige Qualifizierungsmaßnahme in meiner Firma, die sich von den ersten Maitagen bis in den frühen Juli hinein erstreckt, hat meine übliche Vorfreude auf den Fischtrip kurz vor Abreise praktisch den Nullpunkt erreicht. Hinzu kommt, dass ich am Tag unserer Abfahrt noch ein letztes wichtiges Examen zu absolvieren habe, das es ganz besonders in sich hat. Trotz meines beachtlichen Lampenfiebers, endet diese Prüfung jedoch mit einem sehr guten Ergebnis, und unmittelbar nach dessen Bekanntgabe geht es doch endlich los.

 

Ohne einen Blick zurück, fahre ich also direkt von meinem Schulungsort nach Kiel, um dort den Rest unserer Dreiertruppe einzusammeln, natürlich nicht ohne kurzen Stopp in Hamburg, um bei K & HD noch schnell ein paar Besorgungen zu machen. In Kiel angekommen, wird aus meinem Kleinwagen das ganze Angelgerümpel ins nächst größere Auto umgeladen, auch werden noch schnell ein paar Lebensmittel gebunkert und dann geht es ab auf die Autobahn gen Norden. Wir haben schließlich noch eine beachtliche Strecke vor uns: Um vom niedersächsischen Stade in die norwegische Finnmark zu gelangen, gilt es ungefähr 2700 Kilometer zu überwinden, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

      
Nach einer 30-stündigen Autofahrt durch traumhafte Landschaften kommen wir endlich - total geschafft - im legendären Mekka der Lachsfischerei an. Namen wie Alta, Tarna oder Lakselva erscheinen auf den Schildern am Straßenrand, aber auch relativ unbekannte Flüsse wie Stabburselva, Reisaelva, Rapperfjordelva verschaffen unseren Lebensgeistern schnell neue Energie.

Nachdem wir unser Quartier bezogen und Ausrüstung und Lebensmittel verstaut haben, mittlerweile ist es Uhr 2 Uhr 30 in der Nacht, ist es noch immer taghell. Sicher, dass die Sonne hier zu dieser Jahreszeit nicht untergeht, haben wir vorher gewusst. Aber so richtig glauben kann man es erst, wenn man es sieht. Das erste Bier des Urlaubs ist bald geöffnet, eine Pause haben wir uns zweifellos verdient, die ermüdende Autofahrt steckt uns allen in den Knochen; hinzu kommt, dass bei Abfahrt in Kiel noch hochsommerliche 30°C geherrscht hatten, hier in der Finnmark die Quecksilbersäule aber über 6°C nicht mehr hinaus kommt. Nicht dass wir drei den krassen Temperaturunterschied trotz kurzer Hosen tatsächlich noch wahrnehmen, tiefentladen wie wir sind. Vielleicht auch zu glücklich, endlich angekommen zu sein. In jedem Falle schlafen wir in dieser Nacht, jeder begleitet von den tollsten Lachsträumen, wie die Babys.


Am nächsten Morgen ein kurzes Frühstück, dann Aufbruch nach Lakselv. LAKSELV, das ist doch mal ein Name für ein Städtchen. Klingt das nicht nach dem Gelobten Land? Besser hätte man es doch gar nicht treffen können. Es dauert nun auch nicht lange, bis wir herausbekommen, wo es die dringend benötigten Lizenzen für die von uns für die nächsten Tage auserkorene "ZONE 1-3" gibt.


Glücklicherweise findet sich die nächste lokale Lizenzausgabe auch gleich mitten im Ort, sie ist Teil der lokalen Tankstelle. Also schnell die Lizenzen ergattern und ab in den Fluss, so denken wir. Doch steht da noch ein Hindernis im Wege, und zwar das leidige Desinfizieren der Ausrüstung. Ich nenne sie hier "leidig", denn diese Praktik, die man aus Norwegen ja kennt, ist nach meinem Dafürhalten grundsätzlich eine sinnvolle & lobenswerte Maßnahme zur Eindämmung bzw. Ausrottung des für Junglachse so gefährlichen Parasiten Gyrodactylus Salaris, der zunehmend eine Bedrohung für den norwegischen Wildlachs darstellt und schon einen Großteil der Bestände dezimiert hat. Die Desinfektion muss aber, um wirklich effektiv sein zu können, sorgfältig durchgeführt werden, was oftmals leider nicht der Fall ist.

Infolgedessen gerät die sinnvolle Maßnahme oft zur reinen Beutelschneiderei, und der Nutzen im Sinne der Seuchenprävention schwindet, was wirklich bedauerlich ist.Nachdem also der Vorschrift immerhin genüge getan ist, man uns noch einige hot spots gezeigt hat, soll es aber wirklich endlich losgehen. Ab in die Klamotten, die Ruten aufgeriggt, und so stehen wir nun tatsächlich im Fluss, einer wie der andere voller Erwartung auf den Einen.

Und dann, dann ist der erste Fischtag zu Ende. Geschätzt 7 Kilometer Flussufer abgefischt, 7.000 Meter in schwierigem Gelände. Und nicht ein einziger Biss. Nicht einen kleinen Lachs auch nur von weitem gespottet. Übrigens auch keinen anderen Fisch. Die Pleite ist umfassend. Wir üben uns in Selbstbeherrschung und Optimismus, kehren zurück in die Unterkunft & ziehen uns nach einem kleinen Imbiss in unsere Kojen zurück. Immerhin liegen noch 10 volle Fischtage vor uns, und wir wollen morgen wieder fit für einen neuen Angriff sein.Junger Morgen, neues Glück. Vielleicht. Nach einem eiligen Frühstück sind wir wieder unterwegs an den Lakselva. Das Telefon klingelt, ein Bekannter meldet sich live von einem Lachsdrill, den er in Zone 1 am "Superpool" beobachtet. Jemand hat ein wahres Prachtstück gehakt, für uns Grund genug, die Geschwindigkeitsbegrenzungen einmal etwas großzügiger auszulegen, um den Drill nicht zu verpassen. Wir werden nicht enttäuscht, erst nach 45 Minuten ist der Kampf entschieden, der Lachs sicher & fachgerecht getailt. Auch für uns ein Grund zur Freude, der erste Lachs, den wir in unserem Urlaub sehen, bringt gleich stattliche 10 kg auf die Waage. So kann es wohl weitergehen, denke ich bei mir.

Leider haben wir am diesem Tage dann genauso wenig Erfolg wie gestern, und auch der darauf folgende Tag bringt nichts als frische Luft in die Lungen & lahme Beine zum Abend. Dann aber, an unserem vierten Tag am Lakselva, endlich ein Biss. Einer meiner Gefährten hat den Bann gebrochen und eine Lachsdame von beachtlicher Größe mit seiner Fliege aus der Reserve locken können, und wir genießen das Schauspiel, sie dort vor uns tanzen zu sehen. Wie sich bei der anschließenden Messung herausstellt, wiegt die Dame tatsächlich 7,5 kg. Wir bewundern & loben gebührend ihre Schönheit & Vitalität - und entlassen sie in die Freiheit.

Nach einem solchen Erfolg bewegen wir uns mit ganz neuer Energie und Zuversicht. Jetzt soll es aber mal so richtig losgehen, das sieht man jedem von uns schon am Gesichtsausdruck an. Wir wählen unsere Fliegen, taxieren den Pool, waten vor, präsentieren euphorisch.Aber wie es nun mal bei der Lachsfischerei ist, sie hält die größten Enttäuschungen parat, und dann auf einmal stehst Du unvermittelt mitten im Lachshimmel. Aber was uns zwei bis jetzt Glücklosen betrifft, so soll stetig wachsende Ernüchterung der Begeisterung dieses 4. Tages folgen… und sich noch weitere sechs Tage hinziehen.

Es gelingt uns tatsächlich während all dieser Tage & Stunden im Wasser nicht, auch nur den Schatten eines Lachses zu fangen. Erwähnenswerte Zwischenhochs bilden lediglich zwei kleine Meerforellen, die sich in kurzem zeitlichen Abstand an meine Lachsfliege verlieren. Wer aber auf den König aus ist, tut sich schwer, sich am Drill solcher Beute zu freuen. Das wird mir jeder bestätigen können, der dies schon einmal erlebt hat.Wie uns Einheimische später berichten werden, ist dieses Jahr eines der schlechtesten - also fangschwächsten - überhaupt. In der 29. Woche des Vorjahres wurden beispielsweise 121 gefangene Lachse in Zone 1 gemeldet, in diesem Jahr werden es gerade einmal 55 sein.

Nachdem wir zwei weitere erfolglose Tage hinter uns gebracht haben, kommen wir auf dem Gelände unserer Unterkunft an und trauen unseren Augen kaum als am Hauptgebäude eine Lachsdame von knapp 17 Kilo hängt - gefangen von einem der finnischen Fliegenfischer. Ein kleiner Greenhighlander aus finnischer Sammlung hatte es dieser properen Lachsdame angetan.Solch einen fetten Fisch (no offence meant, Lady) haben wir, da sind wir drei uns absolut einig, noch nie zuvor gesehen. Der Anblick allein sorgt dafür, dass uns wiederum das Adrenalin in die Adern schießt. Müdigkeit & körperliche Erschlaffung sind der Erwähnung nicht mehr wert, genügend Motivation & Energie vorhanden für die kommenden Tage.

Am darauf folgendenTage kehren wir also wieder frohen Mutes an unseren Lakselva zurück, wo endlich unser Traum vom Lachsdrill in Erfüllung gehen soll. An diesem Tage trennen sich unsere Wege einmal: ich werde einen flussauf liegenden Pool fischen, meine beiden Freunde wollen unterhalb des Pools ihr Glück versuchen. Kaum habe ich jedoch meinen Pool einmal durchgefischt, da erreicht mich die folgende SMS-Nachricht:

"Na? Zeit, Deine Post zu checken? Dann schwing Deinen Hintern besser wieder runter zu uns. Unser Norweger hat einen Hauptgewinn am Band." Als ich dort ankomme, ist der Drill tatsächlich noch im vollem Gange. Nach dem Biss, erfahre ich, ist der Lachs schnurstracks 500 m den Fluss hinunter geschossen, steht nun in einem tiefen Loch und rührt sich nicht mehr von der Stelle.Tatsächlich ruht er sich dort ganze 20 Minunten von seiner rasanten Flucht aus. Bevor der Bursche dann endlich getailt werden kann, vergehen weitere 20 Minuten. Was dann aus dem Wasser kommt, ist wieder kaum zu glauben: ein Milchner von über 14 Kilo, ein unglaublich schöner Fisch

Im Gesicht seines norwegischen Dompteurs ist für jeden von uns zu lesen: Die Freude ist übergroß. Als er den Fisch endlich im Arm hat, gibt er berauscht zu Protokoll: „Now the winter can come!“

Dieser grandiose Fang wird euphorisch mit einem Whisky begossen, und voller Erwartung und Hoffnung auf einen vielleicht ähnlichen Erfolg fischen wir anderen weiter, aber auch dieser Tag hält eine Wende für unser eigenes Glück nicht bereit. Als wir am nächsten Tag schon einige Stunden fischen und unsere Hoffnung eigentlich schon wieder auf dem Nullpunkt ist, jeder Wurf zur Zerreissprobe für Körper und Geist wird, kommt endlich doch noch einer von uns mit einem Lachs in Kontakt: es handelt sich wiederum um eine Lachsdame, ein Prachtstück, das erst nach einem mehr als 20-minütigen und sehr heftigen Drill getailt werden kann. Fototermin: Überglücklicher Freund mit Lachs der Extraklasse.

Drei Stunden später soll es jedoch noch besser kommen. Wir entschließen uns, einen etwas kleineren Pool, leicht oberhalb der Stelle, wo wir gerade dem Glück begegnet waren, zu versuchen. Ich fange also an, den Pool systematisch zu durchfischen und spüre bei der dritten Drift einen kräftigen Ruck in der Schnur.

 

Ich lasse im selben Augenblick die Schnur los und gehe mit der Rute nach vorn, doch leider packt der Bursche nicht richtig zu.

Dafür bin ich jetzt wieder hellwach und fische doppelt aufmerksam weiter. Einer meiner beiden Kumpel, der etwa 40 Meter hinter mir eingestiegen ist, fischt mir hinterher, als ich ihm sage, dass ich soeben einen guten Biss hatte. Ich zeige ihm noch die Stelle, wo ein großer Stein, der halb unter Wasser liegt, für ein schönes V sorgt, und auch er ist nun wieder wach. Ich fische weiter, doch keine 20 Sekunden sind vergangen, als der Ruf FISCH! durch das ganze Tal hallt:Mein Kumpel, übrigens zum ersten Mal überhaupt beim Lachsfischen, hat seinen ersten Biss, sein allererster Lachs hängt an der Fliegenrute.

Nach einem relativ kurzen - und wohl auch relativ brutalen - Drill können wir den Fisch sicher tailen, und wir stellen mit Erstaunen fest, dass es sich hier um einen Lachs von über 12 kg handelt, ein Maß, von dem selbst erfahrene Lachsfischer noch begeistert träumen können. Hier aber hat ein blutiger Anfänger das unverschämte Glück, auf der allerersten Reise nicht nur erfolgreich zu sein sondern gleich ein solches Prachtexemplar landen zu können. Er wird dieses Erlebnis sicher nie im Leben vergessen, und auch wir, die wir schon einige Jahre auf Lachs fischen, werden noch häufig von diesem Ereignis sprechen. Einfach unglaublich, solch ein Anfängerglück - oder Glück eines Anfängers -, mehr als einer meiner Bekannten musste Jahre nach seinem ersten Lachs fahnden.

Dies ist der vorletzte Tag unseres Aufenthaltes und soll gleichzeitig der letzte Tag unserer Lachsfischerei auf dieser Reise sein. Zwei Fische von je über 10 Kilo, das ist ein großartiges Ergebnis. Wenn ich auch persönlich in diesem Jahr leer ausgehen soll, so konnte ich doch zwei fantastische Fische für meine Freunde tailen. Ich muss ja versuchen, es positiv zu sehen, obwohl es natürlich schmerzvoll bleibt, wenn ich selbst hier keinen einzigen Lachs haken kann.
Denn morgen, am endgültig letzten Tag unseres Aufenthaltes, wollen wir der Bachforelle nachstellen. Als ich zum letzten Mal schlafen gehe, bin ich trotz aller inneren Ermahnungen im Grunde doch wirklich traurig und enttäuscht - und es wird keine gute Nacht für mich.
Als ich dann morgens aufwache, steht für mich fest, dass es für mich an diesem Tage keinen Bachforellentrip geben wird. Ich will die letzte mir verbleibende Energie, die ganze Kraft und Motivation noch einmal an mein Primärziel wenden. Ich möchte keinesfalls mit dem Gefühl abreisen, nicht alles - wirklich alles - versucht zu haben.

So gehen nach dem Frühstück die beiden Freunde ohne mich auf die Bachforellenreise. Ich hingegen mache mich, nachdem ich die beiden an ihrem Bestimmungsort abgesetzt habe, auf den Weg an den Pool meines Vertrauens, um einen definitiv letzten Versuch zu starten, einen Lachs zu fangen. Als ich dort ankomme, muss ich mit Bedauern feststellen, dass die Pools bis zur Grenze des Erträglichen von Anglern umstellt sind.

So bin ich gezwungen, auf einen eher wenig Erfolg versprechenden Pool auszuweichen. Es handelt sich zwar um einen Holding Pool. Dieser aber liegt in einer großen Kurve und ist zudem recht tief, so dass es kaum möglich ist, meine Fliege in angemessener Tiefe und in der richtigen Drift zu präsentieren. Fast büße ich in dieser alles andere als optimalen Situation den letzten Rest meiner Motivation ein. 

Trotz alledem mache ich mich ans Werk, den Pool zu durchfischen. Und bei der vierten Drift, die ich flussauf werfe - mit einem Mending flussab, um den Schnurbogen noch zu vergrößern und damit die Fliege in der richtigen Tiefe und Geschwindigkeit vor den Fisch kommt - macht es endlich, mit einem äußerst aggressiven Biss, RUMS! in der Rute. Um es kurz zu machen, nach einem etwa 20 minütigen Drill kann ich eine Lachsdame von 9 Kilo stranden. An diesem letzten Tag fische ich noch bis morgens um 6 Uhr, in der Hoffnung es könnte noch ein zweiter Fisch dabei herauskommen, was leider nicht mehr der Fall ist.
So hat die Reise einen nicht nur versöhnlichen sonder sogar ausgesprochen erfolgreichen Ausgang genommen. Und meine Entscheidung, nicht der Bachforelle nachzustellen, war absolut die richtige Entscheidung - selbst wenn es für meine beiden Freunde in Sachen Bachforelle nicht mit einer Nullnummer geendet hätte, was übrigens leider der Fall war. Auch wenn es manchmal schwerfällt, es macht sich eben doch oft bezahlt, hartnäckig und konzentriert auch die allerletzte Chance noch zu nutzen.

So haben wir in einem für die Lachsfischerei am Lakselva vergleichsweise schlechten Jahr im Verlauf von 10 Tagen sage und schreibe 4 wunderschöne Lachse mit einem Gesamtgewicht von nahezu 40 kg aus dem Fluss gelockt, und das ist ein Ergebnis, das sich durchaus sehen lassen kann. Uns jedenfalls wird es auch im nächsten Jahr wieder an den Lakselva ziehen. Denn wenn dies ein schlechtes Jahr war, dann möchten wir um keinen Preis ein mittelmäßiges verpassen.

Tight Lines  euer Holger Seipold